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Quellen lesen

Lesen wie Historiker

Historiker arbeiten mit Spuren: Briefe, Chroniken, Urkunden, Münzen, Knochen. Keine Spur spricht von selbst. Mit fünf Fragen liest du eine Quelle so, wie es Historiker tun.

Die fünf Fragen

  1. Wer hat das gemacht?

    Ein König, ein Mönch, ein Soldat, eine Bäuerin? Wer etwas schreibt oder macht, schaut von seinem eigenen Platz in der Welt aus.

  2. Wann?

    Während des Ereignisses, kurz danach oder Jahrhunderte später? Je größer der Abstand, desto mehr kann sich die Erinnerung verschieben.

  3. Für wen?

    Ein Bericht für den Herrscher, eine Predigt für Gläubige, ein Brief an die Mutter? Das Publikum bestimmt, was man erzählt und was nicht.

  4. Warum?

    Um zu informieren, zu überzeugen, zu rechtfertigen, zu gedenken? Jede Quelle hat einen Zweck, auch wenn er nicht ausgesprochen wird.

  5. Was verschweigt die Quelle?

    Wer kommt nicht zu Wort? Oft Frauen, Kinder, Arme, Versklavte oder Kolonisierte. Was fehlt, ist auch eine Information.

Acht Fähigkeiten von Historikern

Jede Fähigkeit mit Erklärung, einem Beispiel an einer echten Quelle, den Stolperfallen und Übungen auf drei Stufen.

  1. Was ist eine Quelle?Alles, was Menschen aus der Vergangenheit hinterließen, ist eine Spur: ein Brief, ein Beil, ein Foto, ein Gebäude. Du lernst Primär- und Sekundärquellen zu unterscheiden.
  2. Wer, wann, warum?Keine Quelle spricht von selbst. Mit fünf Fragen liest du eine Quelle wie ein Historiker: Wer hat sie gemacht, wann, für wen, warum, und was verschweigt sie?
  3. Mit der Zeit rechnenJahrhunderte, vor und nach Christus, und wie viele Jahre zwischen zwei Daten liegen. Es gibt kein Jahr null, und das ändert mehr, als du denkst.
  4. Was kam zuerst? Mit Kaft PlusEreignisse in die richtige Reihenfolge bringen, wissen, was gleichzeitig geschah, und verstehen, dass Epochen Vereinbarungen sind.
  5. Tatsache oder Meinung? Mit Kaft PlusEine Tatsache kann man in Quellen prüfen. Eine Meinung ist ein Urteil. Du lernst, sie zu trennen, auch wenn sie in einem Satz vermischt sind.
  6. Mit anderen Augen Mit Kaft PlusDasselbe Ereignis sah für einen König anders aus als für einen Bauern, für einen Sieger anders als für einen Verlierer. Du lernst zu fragen: Wer sagt das, und wer schweigt?
  7. Ursache und Folge Mit Kaft PlusWarum geschah etwas, und was folgte daraus? Du lernst, dass Ereignisse meist mehrere Ursachen haben, kurz- und langfristig.
  8. Bilder und Karten lesen Mit Kaft PlusAuch ein Gemälde, ein Foto oder eine Karte wurde von jemandem, für jemanden, mit einem Ziel gemacht. Du lernst zu fragen, was ein Bild zeigt und was es weglässt.

Übung

Caesar über die Belger

In den 50er-Jahren vor Christus führte Julius Caesar Krieg in Gallien. Er schrieb selbst einen Bericht darüber, De bello Gallico. Fast jede belgische Schülerin kennt einen Satz daraus. Lies den Anfang und stelle die fünf Fragen.

Das Latein
Horum omnium fortissimi sunt Belgae, propterea quod a cultu atque humanitate provinciae longissime absunt, minimeque ad eos mercatores saepe commeant atque ea quae ad effeminandos animos pertinent important, proximique sunt Germanis, qui trans Rhenum incolunt, quibuscum continenter bellum gerunt.
Unsere Übersetzung

Von all diesen [Völkern] sind die Belger die tapfersten, weil sie von der Kultur und Verfeinerung der Provinz am weitesten entfernt sind, Kaufleute sie am seltensten besuchen und Dinge einführen, die den Geist verweichlichen, und weil sie den Germanen am nächsten wohnen, die jenseits des Rheins leben und mit denen sie ständig Krieg führen.

Julius Caesar, De bello Gallico I, 1 (geschrieben um 50 v. Chr.)
  1. Wer hat das gemacht?Eine mögliche Antwort zeigen

    Caesar selbst: der römische Feldherr, der die Belger angriff und besiegte. Er ist kein neutraler Beobachter, sondern eine Hauptfigur.

  2. Wann?Eine mögliche Antwort zeigen

    Kurz nach den Ereignissen, als er noch in Gallien kämpfte oder gerade danach. Nah dran, aber mitten in seinem eigenen Feldzug.

  3. Für wen?Eine mögliche Antwort zeigen

    Für Leser in Rom: den Senat und die Bürger, die über seine Macht und seine Zukunft entschieden.

  4. Warum?Eine mögliche Antwort zeigen

    Um seine Kriege zu rechtfertigen und seine Siege groß zu machen. Je tapferer der Feind, desto größer der Sieg. Seine Erklärung (kein Luxus, nahe bei den Germanen) passt auch in ein römisches Bild von „rauen“, aber starken Völkern.

  5. Was verschweigt die Quelle?Eine mögliche Antwort zeigen

    Die Belger selbst. Es gibt keine einzige schriftliche Quelle von ihrer Seite. Was wir von ihnen wissen, kommt von ihrem Gegner und aus der Archäologie.

Was lernt man daraus?

Der Satz „die Belger sind die tapfersten“ wurde im 19. Jahrhundert ein stolzes Stück belgischer Identität, auf Schulwandbildern und in Reden. Aber er stammt von dem Mann, der sie besiegte, für Rom schrieb und glänzen wollte. Das macht die Quelle nicht wertlos: Sie erzählt viel, vor allem darüber, wie Rom auf den Norden blickte.

Den Moment lesen: Caesar und die Belger

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